| 20:24 Uhr

Premier Valls will Präsident werden

Paris. Frankreichs Premierminister Manuel Valls tritt zurück, um für die Präsidentschaftswahl zu kandidieren. Der 54-Jährige kündigte seine Kandidatur gestern Abend an und erklärte, sein Amt bereits heute niederzulegen. Damit muss Präsident François Hollande für die letzten Monate seiner Amtszeit einen neuen Regierungschef einsetzen. Wer den Job übernimmt, ist noch unklar. Agentur

In französischen Medien wurden als mögliche Kandidaten unter anderem Innenminister Bernard Cazeneuve, Wirtschafts- und Finanzminister Michel Sapin und Regierungssprecher Stéphane Le Foll genannt. Frankreichs Sozialisten und mehrere kleine Parteien bestimmen ihren gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten bei einer Vorwahl im Januar. Valls Kandidatur galt als sicher, nachdem Staatschef Hollande am Donnerstag seinen Verzicht auf seine Bewerbung um eine zweite Amtszeit erklärt hatte.

Valls vertritt eine wirtschaftsfreundliche Linie und stößt deshalb beim linken Flügel der Sozialistischen Partei auf Widerstand. Sieben weitere Politiker haben bereits ihre Kandidatur für die Vorwahl angekündigt, darunter der Ex-Minister und Valls-Gegner Arnaud Montebourg. Die Franzosen wählen ihren künftigen Staatschef dann im April. Valls warb um Unterstützung im linken Lager: "Meine Kandidatur ist die der Versöhnung", sagte er in Évry südlich von Paris , wo er bis 2012 Bürgermeister war. Seit 2014 war er Premierminister

Viereinhalb Monate vor der Präsidentenwahl gelten der konservative Kandidat François Fillon und die Rechtspopulistin Marine Le Pen in Umfragen als Favoriten. Die Linke zeigte sich zuletzt gespalten. So wollen etwa der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon und der frühere Wirtschaftsminister Emmanuel Macron sich nicht an der Vorwahl beteiligen, sondern direkt für die Präsidentenwahl antreten.

Meinung:

Letzte Chance für die Sozialisten

Von SZ-Korrespondentin Christine Longin

Frankreichs Sozialisten haben abgewirtschaftet. Zu sehen ist das an der traurigen Gestalt von François Hollande , der auf eine zweite Präsidentschaftskandidatur verzichtet. Der Präsident hinterlässt eine tief gespaltene Partei, die um ihren Kurs streitet. Bei der Wahl im nächsten Jahr könnte ihr Kandidat nur noch auf dem fünften Platz landen. Nach fast fünf Jahren an der Regierung ist die einst stolze Parti Socialiste zu einer Splitterpartei verkommen. Ohnmächtig sehen die Sozialisten mit an, wie ihr die Arbeiter zum rechtspopulistischen Front National davon laufen.

Dass die Regierungspartei bei den Präsidentschaftswahlen eine Wiederauferstehung erlebt, glaubt auch Manuel Valls nicht. Für ihn geht es mit seiner Kandidatur vielmehr darum, zu retten, was zu retten ist. Ausgerechnet der streitbare Regierungschef muss das kitten, was Hollande zerbrochen hat. Ob er der richtige Mann dafür ist, mag bezweifelt werden. Aber für die Sozialisten ist Valls die letzte Chance: Entweder er schafft es, die Partei zu einen, oder die Sozialisten stehen vor dem Ende.