Illingen | 20. April 2017 | Autor: Solveig Lenz-Engel

Neuer Ort der Begegnung der Kulturen

Der jesidische Kulturverein wird in einer ehemaligen Spielhalle seinen zentralen Treffpunkt eröffnen.


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„Mala Ezidiye Li“ in großen roten Lettern und darunter erklärend „ezidischer Kulturverein“, daneben „Hun Be Xerhatin“ und „Herzlich willkommen“ – mit der Installation des großen Schildes über dem Eingang hat das Rätselraten über die neue Nutzung der alten Spielhalle an der Hauptstraße von Illingen ein Ende. Der jesidische Kulturverein, in dem mehr als ein Viertel der 250 im Saarland ansässigen Jesiden-Familien organisiert sind, ist dabei, dort seinen zentralen Treffpunkt zu etablieren.

Ferhat Karaca ist der Vorsitzende des Kulturvereins, der das Gebäude erworben hat. „Kauf und Umbau haben rund 350 000 Euro gekostet. Das Geld ist vor allem durch Spenden unserer Mitglieder zusammengekommen“, so Karaca zur SZ. Stolz ist er, dass die Mitglieder nicht nur den Geldbeutel aufgemacht, sondern auch handwerklich angepackt haben. Von dem Zentrum sollen nicht nur die jesidischen Freunde profitieren, sondern jeder, der einen größeren Veranstaltungsort in Illingen sucht. Der jesidische Kulturverein zeigt sich damit offen, sein Haus will Begegnungsstätte für alle sein.

Die kulturelle und religiöse Vereinsarbeit der Jesiden reicht von Musik und Folklore, Familienfesten über Bildungsangebote, Sprachunterricht bis zu Gottesdiensten. Angesprochen werden alle Lebensalter. Das Selbstverständnis und die Ziele des Kulturvereins beschreibt dessen Protokollführer Kemal Gök so: „Aufrechterhaltung und Weitervermittlung der religiösen und kulturellen Inhalte sowie Werte und Bräuche und der jesidischen Gesellschaftsform in der Diaspora.

Der Charakter der jesidischen Lebensform in weltanschaulicher wie auch in traditioneller Hinsicht soll unter Berücksichtigung der Bedingungen der aufgeklärten modernen Gesellschaft in Westeuropa aufrechterhalten bleiben“. Die vielfach, zurzeit vor allem vom so genannten Islamischen Staat, verfolgten Jesiden wollen ihre Kultur in Freiheit leben können. Missionarisch tätig werden sie nicht, denn als Jeside wird man geboren, es gibt keine Möglichkeit, zum Jesidentum zu konvertieren.

In Illingen sollen sich in der rund 600 Quadratmeter großen Begegnungsstätte bis zu 100 Menschen treffen können. Weil auf dem Areal der jesidischen Begegnungsstätte, übrigens unmittelbar in der Nähe der Polizeiinspektion Illingen, nur wenige Parkplätze zur Verfügung stehen, sorgen sich Illinger Bürger um die Verkehrssicherheit an der viel befahrenen Straße. In Unkenntnis der jesidischen Religion (siehe Info) war hie und da auch schon die Rede von einem „muslimischen Gebetshaus“.

In Kenntnis der Sorge von Anwohnern hält sich der jesidische Kulturverein bei den Öffnungszeiten eher zurück. Nach Angaben der Illinger Gemeindeverwaltung, ist bis auf Samstags (22 Uhr) bereits um 20 Uhr Veranstaltungsende. Bürgermeister Armin König (CDU) sagte auf SZ-Anfrage, das Zentrum sei in den Gemeindegremien „durchaus kritisch“ diskutiert worden. Bedenken hinsichtlich der Parkplätze, der Verkehrssituation und der Anwohner seien von Gemeinderat an die Untere Bauaufsicht beim Landkreis als Genehmigungsbehörde formuliert worden. Jetzt werde man beobachten, so König, wie der Betrieb des jesidischen Zentrums laufe.

Ein Eröffnungstermin steht noch nicht fest. Man sei aber kurz vor der Fertigstellung, so der Kulturverein.

Zum Thema:

Die jesidische/yezidische/ezidische (mehrere Schreibweisen werden verwendet) Religion ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2000 Jahre vor dem Christentum liegen. Das Jesidentum geht von der Allmacht Gottes aus, weshalb es einen Widersacher gegenüber dem göttlichen Willen nicht geben kann. Die Jesiden sind fast ausschließlich Kurden.

Sie leben als bedrängte Minderheit einer Minderheit hauptsächlich in den Kurdengebieten im Irak, in Syrien, in der Südosttürkei sowie auch im Kaukasus. Nach Angaben des jesidischen Kulturvereins im Saarland befinden sich in Deutschland rund 120 000 Jesiden.