07. Februar 2016 | Autor: Martin Rolshausen

Magische Kräfte unterm Lampenschirm



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Da muss Franz Untersteller jetzt durch. Dass Ensheim 1974 nach Saarbrücken eingemeindet wurde, hat er – wie viele Ensheimer – nie akzeptiert. Dennoch erscheint diese Kolumne wie seit fast acht Jahren auch in dieser Woche unter dem Titel „Saarbrücken für Fortgeschrittene“. Obwohl sie heute vor allem eins ist: eine Verneigung vor einer Ensheimer Frau. Aber was heißt hier eine Frau – diese eine, das sind ganz viele. Alle nämlich, die sich zur Ensemma Faasenachd eine Altweibermaske aufs Gesicht und einen Lampenschirm auf den Kopf setzen.

So wie Franz Untersteller. Er ist Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg. Aber einmal im Jahr wird aus ihm „e Ensemma Aldi“ – also eine Ensheimer Alte. Mit dieser Art des Feierns unterscheiden sich die Ensheimer klar von anderen Saarbrücker Narren. Ensheim war ja auch einst bayerisch, während in den übrigen, heute zu Saabrücken gehörenden Gebieten die Preußen regierten.

Aber mit den Bayern hat die Ensheimer Fastnachtstradition wohl nichts zu tun. „Ich vermute, dass die in Ensheim typische Art der Straßenfastnacht durch die Einwanderer aus dem alemannischen Raum ,eingeschleppt' worden ist, ähnlich wie die heute noch in Ensheim gesprochene rheinfränkische Mundart mit alemannischen Komponenten“, schreibt Unterstellers Freund Paul Glass.

Jedenfalls ist diese Tradition so stark, dass einige Ensheimer, die irgendwann nach Baden-Württemberg ausgewandert sind, von der Ensemma Faasenachd wie von einem Magnet nach Hause gezogen werden. „Es ist immer ein ziemliches Hallo in den Häusern, wenn sich die ausgewanderten Ensemmer dann irgendwann nach dem zweiten Selbstgebrannten zu erkennen geben“, sagt Franz Untersteller.

Und wenn die Tarnung fällt, kann es schon mal zu einem Hilferuf kommen. Im vergangenen Jahr, erzählt Untersteller, ist er vom Vorsitzenden des Obst- und Gartenbauvereins angesprochen worden. Der hat ihm erzählt, dass es in die Brennerei des Vereins reinzieht und reinregnet und es irgendwie keine Hilfe vom Land gebe.

Auf der nächsten Umweltministerkonferenz ging Untersteller auf seinen saarländischen Kollegen Reinhold Jost zu und teilte ihm mit: „Ich höre Klagen.“ Jost informierte sich, übernahm auch die Schirmherrschaft zum 100-Jährigen des Vereins und regte an, einen Antrag auf Totomittel zu stellen, wie er sagt.

Das hat geklappt. Bei einer der nächsten Umweltministerkonferenzen, sagt Jost, habe er „dem Franz dann Vollzug gemeldet“. Es zieht nicht mehr und regnet nicht mehr rein. Franz Untersteller wird den Ensheimern Freunden zur Faasenachd melden: „Auftrag ausgeführt!“ Und er hat damit bewiesen: So eine Ensemma Aldi, die hat magische Kräfte. Die Frage ist jetzt nur: Reichen die auch aus, um Ensheim wieder zur eigenständigen Gemeinde zu machen?

Wer mehr über die Fastnacht in Ensheim erfahren will, sollte das von Paul Glass im vergangenen Jahr herausgegebene Buch „Faasenachd in Ensemm“ lesen.











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