Saarbrücken | 07. November 2016 | Autor: Sebastian Sauer

Das „Salam“ klingt noch holprig

An vier Grundschulen begann im Schuljahr 2015/16 der „Modellversuch Islamischer Religionsunterricht im Saarland“. Ein Vorstoß, der auch für einigen Gegenwind sorgte. Doch wie läuft der Unterricht ab? Die SZ saß mit auf der Schulbank.


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11.05 Uhr an der Kirchberg-Grundschule in Saarbrücken: In einem kleinen Klassenraum im zweiten Stock treffen nach und nach etwa 15 Schülerinnen und Schüler der zweiten Klasse ein. Normalerweise findet hier Türkisch-Unterricht oder Sprachförderung statt. Einige der zusammengewürfelten Stühle wackeln. Eine Tafel gibt es nicht, vielleicht im nächsten Jahr. An der Wand hängen selbstgebastelte Plakate. „Wir sind Muslime“ steht auf einem, daneben hängen bunt ausgemalte Papiermännchen.

„As-salamu alaikum“, begrüßt Lehrerin Yesim Tasci ihre Schüler zum islamischen Religionsunterricht. Die Antwort kommt noch etwas holprig, beim zweiten Versuch klappt es besser. Das sind die einzigen arabischen Worte, die heute fallen. Danach wird erst einmal das Alphabet wiederholt. Da hier Kinder aus mehreren Klassen zusammenkommen, muss Tasci überprüfen, wie gut die Deutschkenntnisse jedes Einzelnen sind, bevor sie überhaupt mit dem eigentlichen Stoff beginnen kann – nur eine der Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt. Das Interesse für den Islam ist bei den Zweitklässlern noch gering, was sich auch auf ihre Konzentration niederschlägt. Mustafa und Semi wollen gerade lieber rechnen als deutsche Wörter zu üben. Mustafas Vater gehe zwar in die Moschee, zu Hause beteten beide Familien aber nicht, sagen sie.

Am Anfang des Lehrplans stehen jedoch ohnehin wenig islamspezifische Themen, „Gemeinschaft aller Menschen“ lautet etwa eine Überschrift. Im ersten halben Jahr gehe es darum, dass die Kinder ihre Persönlichkeit entdecken, sagt Tasci – das fange bei der banalen Frage nach der Lieblingsfarbe an und reiche bis zum Erkennen der eigenen Stärken. Aber auch der Umgang mit den Mitmenschen solle vermittelt werden. Später komme es dann schon mal vor, dass die Schüler selbst Inhalte einbringen wollen oder sich für andere Religionen interessieren. An der Saarbrücker Grundschule Füllengarten seien deshalb in den dritten und vierten Klassen schon religionsübergreifende Unterrichtsstunden abgehalten worden.

Angesichts von vermehrt aufkommender, islamistischer Gewalt wird ein Projekt wie der islamische Religionsunterricht oft skeptisch gesehen. Es gehe hier aber gerade auch darum, bei den sechs- bis zehnjährigen Schülern Grundlagen für einen Dialog zu schaffen, so solle den verbreiteten Befürchtungen entgegengewirkt werden. „Alleine über die Religion zu reden ist schon von Vorteil“, sagt Tasci. „Wer die Begriffe kennt, kann besser mit Andersgläubigen kommunizieren“, fügt sie hinzu.

Von den Eltern habe sie bisher nur positive Rückmeldungen bekommen, besonders Flüchtlingsfamilien seien fasziniert, dass es diese Möglichkeit gebe. Grundsätzlich können alle Eltern darüber entscheiden, ob ihr Kind am Religionsunterricht, egal welcher Glaubensrichtung, teilnimmt. Das regelt das Grundgesetz. Es sei am Anfang vereinzelt zu dem Missverständnis gekommen, dass der christliche Religionsunterricht verdrängt würde.

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen, handelt es sich beim islamischen Religionsunterricht im Saarland vorerst nur um ein Modellprojekt, das 2015 in den ersten Klassen an vier Grundschulen begann. Rund 100 Kinder nehmen aktuell daran teil.

Insgesamt gab es im Schuljahr 2014/15 an saarländischen Schulen 9118 Schüler muslimischen Glaubens. Nach Plänen des Schulministeriums soll das Projekt weiter ausgebaut werden, es gebe aber noch nicht genügend Lehrer, beklagte Minister Ulrich Commerçon (SPD) jüngst. Bisher unterrichtet neben Tasci noch ein Lehrer, ab Februar 2017 soll eine zusätzliche Lehrerin hinzukommen. Zur Vorbereitung auf den Unterricht werden Fortbildungen des Landesinstituts für Pädagogik und Medien sowie des Studienseminars angeboten. Speziell ausgebildete Lehrkräfte mit Staatsexamen würden in Deutschland voraussichtlich erst ab 2020 zur Verfügung stehen, heißt es von Seiten des Schulministeriums.











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